Vorwort

(Seite 13ff.)

Ich wurde mit fünf Jahren eingeschult, erledigte Volksschule und AHS-Unterstufe in je drei Jahren (mit Überspringen einer Klasse), kam in die AHS, begann in der 7. Klasse mit 13 nebenbei ein Studium der Informatik an der TU Wien, maturierte mit 15, schloss mein Bachelorstudium ein Jahr später ab und wurde wiederum ein Jahr später, mit 17, zum Diplom-Ingenieur. Ich passte in kein Konzept und in kein vorgefertigtes Schema. Ich tat Dinge, die man nicht erwartete, die von Gesetzgeber und Verwaltung nie vorgesehen waren. Dadurch ergaben sich Situationen, die kurios, ungewohnt, unerwartet oder einfach nur zum Kopfschütteln waren, und die ich in Anekdoten verarbeitete, die bisher nur mündlich erzählt wurden und in meinem Bekanntenkreis kursierten (wobei ich einige bereits in Interviews zum Besten gab).
Dieses Buch ist eine (unvollständige) Sammlung dieser kleinen Geschichten und der Erfahrungen, die ich aus ihnen gewonnen habe. Alle Anekdoten und Erzählungen entsprechen der Wahrheit – oder zumindest dem, was ich nach der teilweise sehr langen Zeit zwischen Ereignis und Niederschrift dafür halte. Kleine Änderungen waren teilweise erforderlich, um die Anonymität einiger Personen zu bewahren oder um komplexe Situationen zu vereinfachen.

Ich habe mich dagegen entschieden, Namen von Personen zu veröffentlichen, die in diesem Buch überwiegend negativ dargestellt sind, denn das Buch soll kein Pranger sein, und außerdem sind Klagen wegen übler Nachrede teuer und zeitraubend. Ist ein Name unbedingt vonnöten, wird ein erfundener Name eingesetzt. (Der Umkehrschluss gilt übrigens nicht: Wer in dem Buch nicht namentlich erwähnt ist, den habe ich nicht unbedingt negativ in Erinnerung.) Natürlich berichte ich auch über die Ereignisse in meinem Leben, die diese Geschichten hervorgebracht haben, womit man dieses Buch als eine Art „Autobiographie“ sehen könnte – die allerdings nur achtzehn Jahre umfasst. Gleichzeitig versuche ich, in mehreren Einschüben etwas ernstere Themen anzuschneiden: Neben einem Nachwort zu den Studentenprotesten 2009 erkläre ich, wie man Hochbegabung erkennt und fördert, was Hochbegabten hilft und was ihnen schadet, zeige, wie man moderne Technologien in den Unterricht einbinden könnte und skizziere meine Vorstellung eines idealen Bildungssystems und den Weg dorthin. Während die Reformbedürftigkeit des österreichischen Bildungssystems von niemandem bestritten wird, gibt es keine zwei Menschen, deren Vorschläge, Konzepte und Ideen in Bezug auf das Bildungssystem gleich sind. Insofern gebe ich auch meinem Vorschlag keine großen Chancen, aber vielleicht schafft er es ja, in einer Schublade des Stadtschulrats oder gar des Ministeriums zu verschwinden.

Wien, im März 2010
Marian Kogler

Wajum

(Seite 17f.)

Noch eine kurze Erklärung zu meiner damaligen Familiensituation: Im Haus lebten neben mir meine Eltern und meine Großeltern. Mutter, Großmutter und Großvater waren berufstätig, während mein Vater als freier Schriftsteller viel Zeit zu Hause verbrachte und sich um den Haushalt kümmerte. In dieser Zeit gab es für ihn nur ein Wort, das er fürchtete: „Warum?“ (oder, wie ich es damals aussprach: „Wajum?“). Kinder sind nun einmal neugierig, und gerade bei mir wollte der Strom an „Wajum?“-Fragen nicht abreißen. Er beantwortete geduldig fast alle dieser Fragen, und ich kann es gut verstehen, dass es ihm manchmal zu viel wurde und er mit einem „Das ist eben so!“ antwortete.
Doch mit einer Frage überraschte ich ihn: Während meine Mutter sehr früh zur Arbeit ging, standen mein Vater und ich erst gegen 9 Uhr in der Früh auf. Als einfaches Kommunikationsmittel hatten sich kleine Zettel mit einer kurzen Nachricht bewährt, und so lag eines Tages auf dem Küchentisch ein Zettel mit der großen Aufschrift „ACHTUNG“. Ich warf einen Blick darauf und fragte: „Wajum steht da ‚Achtung’?“

Ich konnte lesen. Damals war ich etwa zweieinhalb. Bis heute haben weder ich noch meine Eltern eine Ahnung, wie ich es mir beigebracht habe und warum bis zu diesem Morgen niemand etwas davon bemerkt hatte. Schreiben lernte ich etwa ein halbes Jahr später, ebenfalls selbstständig.

Auch danach überraschte ich immer wieder mit Fragen, die man in diesem Alter normalerweise nicht stellt. So etwa fragte ich meine Hausärztin bei einem Kontrollbesuch, ob die Waage, mit der ich gewogen wurde, auch ordentlich kalibriert und geeicht sei. Als mir die bekannten Karten des Rorschach-Tests gezeigt wurden, antwortete ich gleich mit „Ah! Der Rorschach-Test!“, worauf sie die Karten wieder weglegte und meinte: „Das solltest du eigentlich nicht wissen, so ist er sinnlos.“

Förderung ja, Zwang nein

(Seite 29ff.)

Ein Leitsatz, den sich alle Eltern und insbesondere Eltern hochbegabter Kinder auf die Fahnen schreiben sollten: Förderung ja, Zwang nein!

Leider gibt es einerseits immer noch relativ viele Eltern, die ihr Kind geistig verkümmern lassen und nicht fördern, weil sie es entweder nicht wollen oder nicht können, und andererseits Eltern, die ihr Kind zu Höchstleistungen zwingen. Höchstleistungen, die dann im besten Fall nicht erbracht werden oder im schlechtesten Fall zwar erbracht werden, aber beim Kind schwere psychische Schäden hinterlassen.
Hier muss ich meinen Eltern wirklich dankbar sein, dass sie stets den richtigen Weg gegangen sind.

Aus Gesprächen mit (wahrscheinlich) hochbegabten Studienkollegen höre ich immer wieder Geschichten, die als Beispiele dienen können:

Ein Handwerker und eine Hausfrau, die ihrer Tochter den Besuch einer höheren Schule verbieten wollten, weil sie als Mädchen eine Friseurlehre zu absolvieren hätte. Die Tochter setzte schließlich durch, dass sie die HTL besuchen durfte, und studiert inzwischen neben einem Mehr-als-Vollzeitjob erfolgreich Informatik.

Oder die Laufbahn eines Studenten, dessen Studium mit 21 begann, weil er mehrere Klassen aus Langeweile wiederholen musste, und der jetzt im freien Umfeld der Uni, wo er sich seine eigenen Herausforderungen setzen kann, aufblüht.

Immer wieder traf ich auch auf Eltern und Lehrer, die das Kind keineswegs überspringen lassen oder es dazu (auch gegen seinen Willen) nötigen wollten, Eltern, die darauf bestanden, dass ihr Kind unbedingt besser sein musste als alle anderen, der oder die Beste auf der ganzen Welt; auf Lehrer, die keine jüngeren Überspringer in ihrer Klasse dulden wollten, weil diese „das Sozialgefüge gefährden“, oder Eltern, die kein Problem darin sahen, dass sich ihr Kind in der Schule langweilte, und jede Möglichkeit der Förderung abblockten.

Die nicht oder falsch geförderten Kinder führen – wenn sie sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen – meist ein unglückliches Leben, brechen die Schule und danach vielleicht die Lehre ab, aus Langeweile oder Überforderung, reißen aus, schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch oder werden kriminell, landen im Gefängnis, in einer psychiatrischen Anstalt, oder sie begehen Selbstmord.
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